Archiv für Autobahn- und Straßengeschichte

Asphalt, Beton & Stein | Autobahnen & Fernstraßen

Die geplante Haarstranglinie

Im Folgenden wird ein Beitrag aus der Zeitschrift »Die Strasse«, 5. Jahrgang (1938), Heft 2, Seiten 58 - 59 wiedergegeben.


Die Linienführung der Reichsautobahnstrecken östlich des Ruhrgebiets

Eine Überprüfung der Linienführung der Reichsautobahnen östlich des Ruhrgebietes hatte in den vergangenen Monaten zu Erwägungen geführt, die Linie Ruhrgebiet – Kassel – Thüringen nicht südlich von Hamm von der Linie Ruhrgebiet – Berlin, sondern bei Unna von der Linie Köln – Wuppertal – Münster abzweigen zu lassen. Eine solche Führung würde für den Verkehr Düsseldorf, Wuppertal, Köln und vom südlichen Ruhrgebiet in Richtung Kassel eine Verkürzung, für den Verkehr vom nördlichen Ruhrgebiet in der gleichen Richtung allerdings eine gewisse Verlängerung zur Folge haben. Maßgebend für diese Erwägungen war vor allem die Tatsache, dass der gesamte Verkehr des rheinisch-westfälischen Industriegebietes in östlicher Richtung nach Hannover – Berlin und nach Kassel – Thüringen – Sachsen vom

 

Kamener Kreuz bis zum Abzweigpunkt südöstlich von Hamm auf einer einzigen Autobahnlinie zusammengefasst wird; die Gefahr der späteren Überlastung dieses Abschnittes erscheint damit gegeben. Eine Entlastungsmöglichkeit besteht allerdings im Zuge der leistungsfähigen Reichsstraße 1, die jedoch als Leistungsreserve für den von drei Autobahnlinien hier zusammenkommenden Verkehr nicht für alle Dauer ausreichend erscheint. Für die Führung der Autobahn nach Kassel in einer südlicheren Lage sprach außerdem die Tatsache, dass eine solche Linie landschaftlich außerordentlich reizvoll auf der Kammhöhe des Haarstranges, eines dem Sauerland nördlich vorgelagerten langgestreckten Bergrückens geführt werden kann; von der Höhe des Haarstranges ergeben sich ungewöhnlich reizvolle Ausblicke nach Norden in die Soester Ebene, wie nach Süden auf den Möhnesee und das Sauerland (Abb. 1).


 
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Abb.1: Höhenprofil quer zur Haarstranglinie

Da das Sauerland das Haupterholungsgebiet des Ruhrbezirkes bildet, kommt einer Haarstranglinie besondere Bedeutung für den Ausflugs- und Erholungsverkehr zu. Eingehende Untersuchungen haben allerdings ergeben, dass der Bau einer Vollautobahn auf dem Haarstrang zumal im westlichen Teil von Unna bis südlich von Werl beträchtlichen baulichen Schwierigkeiten begegnen würde.
Generalinspektor Dr. Todt hat nach einer örtlichen Besichtigung entschieden, dass die Reichsautobahn Ruhrgebiet – Kassel in der alten Linienführung, also mit Abzweig südlich von Hamm verbleibt; sie ist inzwischen bereits von Hamm bis Wrexen zum Bau freigegeben worden. Wegen der begründeten Gefahr, dass der Streckenabschnitt Kamen – Hamm in späterer Zeit einer Überlastung

 

ausgesetzt ist, ist angeordnet worden, dass dieser Abschnitt noch vor seiner Inbetriebnahme im Herbst 1938 beiderseits je ein durchgehendes 2,50 m breites befestigtes Bankett als Stehspur erhält, um so zu verhindern, dass die Leistungsfähigkeit der Strecke durch auf der Fahrspur aus irgendwelchen Gründen zum Stehen kommende Fahrzeuge beeinträchtigt wird. Weiterhin ist der Bau der Haarstranglinie als autobahnartige Straße in späterer Zukunft in Aussicht genommen. Jedoch wird diese Straße im westlichen Teil nicht auf die Ausläufer des Haarstrangrückens gelegt werden, sondern bereits bei Schwerte vor der Düsseldorfer und Wuppertaler Reichsautobahn abzweigen und von hier ab bis Wickede zunächst im Ruhrtal verlaufen (Abb. 2).


 
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Abb.2: Lageplan der Haarstranglinie

Das breite verkehrsreiche Ruhrtal, dass zudem den Verkehrsanschluss mehrerer von Süden einmündender Täler mit dem Verkehr von Iserlohn, Menden, Neheim, Arnsberg und anderer aufzunehmen hat, verfügt in diesem Abschnitt über keine leistungsfähige Straße, so dass dem Bau einer solchen Linie erhebliche Verkehrsbedeutung zukommt. Von Wickede in östlicher Richtung bis Büren verläuft die Linie ständig auf dem Haarstrangkamm oder in seiner unmittelbaren Nähe; sie wird damit den landschaftlichen Reiz einer Höhenstraße, der in verschiedenen Teilen des Reiches zur Planung und zum Bau derartiger Linien führte, auch für Westdeutschland

 

erschließen und für den Ausflugsverkehr des Ruhrgebietes zum Möhnesee und in das Sauerland eine zügige leistungsfähige Verbindung herstellen. Die Linie ist im westlichen Abschnitt ungefähr bis zum Möhnesee mit 12 m Fahrbahnbreite, weiter östlich bis Büren gegebenenfalls mit geringerer Breite vorgesehen. Verkehrskreuzungen in Höhe der Fahrbahn sollen nur in größeren Abständen zugelassen sein. Die Ausarbeitung eines Vorprojektes der Linie ist dem Oberpräsidenten der Provinz Westfalen (Verwaltung des Provinzialverbandes) in Münster übertragen worden. Der Zeitpunkt, an dem der Bau der Linie begonnen wird, steht noch nicht fest.

Rudolf Hoffmann


Siehe auch:
Autobahnruine bei Hamm/Westfalen