Archiv für Autobahn- und Straßengeschichte

Geschichte & Organisation | Zeichen und Male am Wegesrand

Ein unbekanntes Kleinod aus der Kutschenzeit

„Der hat schon immer dort gestanden“ meinte Friedel Pleines, der langjährige Ober-Eschbacher Ortsvorsteher, lakonisch. „Kein Mensch hat sich drum gekümmert und die meiste Zeit war er ohnedies von Gras und Disteln überwuchert“. Und er fährt fort: „Ich habe ab und zu das Gras gemäht und darauf geachtet, dass der Stein nicht wegkommt.“

Die Rede ist von dem Kilometerstein im Bad Homburger Stadtteil Ober-Eschbach auf Höhe der neuen Feuerwache. Im Zuge des Neubaus wurde an dieser Stelle ein Stück Fußweg angelegt, so dass der Stein jetzt gut sichtbar auf dem schmalen Grasstreifen zwischen Straße und Gehweg steht. Zuvor hatte er jahrzehntelang völlig unbeachtet sein Dasein an der Böschung der Ober-Eschbacher Straße gefristet.

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Bild 1 + 2: Der Kilometerstein auf dem 140 cm breiten Grasstreifen (links; Blickrichtung Ortsmitte) und Blick auf den ursprünglichen Zustand der Straßenböschung (rechts; Blickrichtung Frankfurt) © alle Fotos Reiner Ruppmann, Juni 2017

Wie alt der Kilometerstein ist, wusste Pleines nicht. Auch das Stadtarchiv sowie Heimatforscher Heinz Humpert im benachbarten Bad Homburger Ortsteil Gonzenheim konnten nichts dazu sagen. Aus der Beschriftung lässt sich jedoch ableiten, dass er aus einer längst vergangenen Zeit stammen muss.

Wer hat den Kilometerstein aufgestellt?

Am 12. August 1896 erließ die die Regierung des Großherzogtums Hessen-Darmstadt ein Gesetz zum Straßenwesen, mit dem die Landstraßen in die Hände der insgesamt 18 Kreisverwaltungen übergeben wurden. Großherzog Ernst Ludwig (reg. 1892 – 1918) förderte ab diesem Zeitpunkt den Neu- und Ausbau der Straßen mit namhaften Geldern, um Straßentransporte in und zwischen den drei Provinzen Starkenburg, Rheinhessen und Oberhessen zu erleichtern, Gegenden ohne Eisenbahn besser zu erschließen und die Wirtschaft zu beleben.

Für die Straßen um das zur Provinz Oberhessen gehörende Dorf Ober-Eschbach war der Kreis Friedberg zuständig. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat also die großherzogliche Kreisverwaltung Friedberg den Kilometerstein im Jahr 1896 oder 1897 aufstellen lassen. Wann seine Beschriftung zuletzt mit weißer Farbe akzentuiert wurde, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Der im Kopf leicht trapezförmige, im davon abgesetzten Schaft- und Sockelbereich rechteckige Kilometerstein hat die Maße 104 x 38/41/44 x 23/26/29 (H x B x T). Früher waren von dem Kilometerstein nur der Schaft und der Kopf zu sehen; der unbehauene Sockelbereich steckte in der Erde.

Welche Funktionen hatte der Kilometerstein?

Wie bei den preußischen Meilensteinen ging es vor allem um Wegweisung und Nennung von Entfernungen. Das waren seinerzeit die einzigen Orientierungsmöglichkeiten für die Straßenbenutzer. Zusätzlich markierten die Kilometersteine die Verantwortungsbereiche für Straßenbau und Straßenunterhaltung.

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Bilder 3 + 4: Frontansichten des Kilometersteins mit den Aufschriften in Fahrtrichtung Frankfurt (links) bzw. in Fahrtrichtung Dorfmitte (rechts)

Die Entfernungsangabe „Frankfurt Zeil 12,2 km“ dürfte den heutigen Verkehrsteilnehmer erstaunen, denn die üblichen Routenplaner rechnen von Ober-Eschbach bis zur Hauptwache mit einer Distanz rund 16 Kilometern. Um 1900 fuhren die Kutschen und Pferdegespanne jedoch auf der Landstraße über die Dörfer Nieder-Eschbach und Bonames nach dem Frankfurter Ortsteil Eschersheim und über die Eschersheimer Landstraße und die Hauptwache direkt zur Zeil. Der Referenzpunkt für die Entfernungsmessung war das vormalige Thurn und Taxis’sche, seit 1866 preußische Oberpostamt auf der Zeil, das ungefähr an der Stelle des heutigen Shopping-Centers MyZeil stand.

Die Beschriftung „Ober Eschbach 0,7 km“ gibt die Entfernung vom Standort des Kilometersteins bis zur Ortsmitte am Kirchplatz an.

Abgrenzung der Verantwortung für Straßenabschnitte

Die seitliche Aufschrift „3,0“ auf dem Kilometerstein erklärt sich nicht von selbst. Die Ziffern bezeichnen vermutlich Beginn und Länge des außerörtlichen Straßenbereichs, für den die Kreisverwaltung zuständig war. Damit wurde die finanzielle Verantwortung für Bau und Unterhaltung zwischen Kreis und Gemeinde eindeutig getrennt. Die unterschiedliche Typografie weist darauf hin, dass die kleineren Zahlen auf der Gehwegseite nachträglich eingemeißelt wurden (Bilder 5 + 6).

Die Grenze zwischen der Ortsdurchfahrt und dem Beginn der Kreisstraße bestimmte die örtliche Bebauung. Am Ende des sogenannten ‚Straßen-Anbaus’ einer Kommune begann die Kreisstraße. Wuchs die Ortschaft, wurden die Grenzen entsprechend verschoben. Bis zur alten Ortsmitte von Nieder-Eschbach beträgt die Entfernung rund drei Kilometer, so dass die seitliche „3“ aller Wahrscheinlichkeit nach die Länge des unter Provinzialverwaltung stehenden Straßenstücks bezeichnete. Ein auf der Oberseite des Kilometersteins zur Straßenseite hin mittig eingelassener eiserner Knopf legt den Messpunkt fest (Bild 7).

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Bilder 5 + 6: Seitenansichten des Kilometersteins zur Ober-Eschbacher Straße (links) bzw. zum Gehweg (rechts)

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Bild 7: Die Draufsicht zeigt den Messpunkt zur Abgrenzung der Verantwortungsbereiche für die Straßenbaulast

Gemeinden mussten die Neuanlage einer Gemeindestraße und deren Unterhaltung, ebenso die Erneuerung innerörtlicher gepflasterter Fahrbahnen oder Änderungen an der Fahrbahndecke, selbst tragen. Der Ersatz einer chaussierten innerörtlichen Fahrbahn durch eine Decke aus Kleinpflaster galt allerdings als Unterhaltungsarbeit; diese Kosten wurden zwischen Kreis und Kommune geteilt. Die Unterhaltung einer unveränderten Ortsdurchfahrt im Zuge einer Kreisstraße ging dann zu Lasten der übergeordneten Verwaltung, wenn sich eine Gemeinde selbst nicht in der Lage sah, für die Instandhaltung zu sorgen.

Mit vorausschauendem Blick auf den schon um die Jahrhundertwende aufkommenden Kraftwagenverkehr entließ die Darmstädter Regierung mit Gesetz vom 12. Juli 1902 die Kreisverwaltungen aus der Verantwortung für die Landstraßen. Das Straßennetz ging ab diesem Zeitpunkt mit allen Rechten und Pflichten in das Eigentum der Selbstverwaltung der drei großherzoglichen Provinzen Starkenburg, Rheinhessen und Oberhessen über. Die Oberaufsicht und abschließende Entscheidungsbefugnis zu allen wesentlichen Verwaltungsvorgängen (Unterhalt, Neu- und Umbau, Erlass technischer Vorschriften, Richtlinien für die Einstellung technischen Personals) lag ab 1902 beim Darmstädter Minister des Innern. Diese Regelung galt formal auch in der Zeit des Volksstaates Hessen weiter und dauerte bis zur Formierung Großhessens nach 1945 an.


Denkmalschutz

Wegen der verkehrshistorischen Bedeutung dieses seltenen Zeugnisses aus der Kutschenzeit wird das Landesamt für Denkmalpflege Hessen den Kilometerstein kurzfristig in das Denkmalverzeichnis aufnehmen.

Der Kilometerstein ist am jetzigen Standort gefährdet. Ein Unfall könnte ihn zerstören, Streusalz und Spritzwasser seine Substanz zersetzen. Deshalb sollte sich das Bad Homburger Amt für Denkmalpflege Gedanken zum dauerhaften Schutz des Kleindenkmals machen.


 
Reiner Ruppmann, Bad Homburg, Juni 2017