Archiv für Autobahn- und Straßengeschichte

Geschichte & Verwaltung | Historie & Gegenwart

GRENZSTEINE IN GÖTTINGEN

2020 zufällig entdeckt und gemeinsam verortet

Die Zahl der bisher aufgefundenen Markierungssteine, mit denen ab April 1934 die Straßenbaulast zwischen Deutschem Reich und Gemeinden abgegrenzt wurde, ist bislang ziemlich überschaubar (siehe dazu "Neuregelung der Straßenbaulast zwischen Reichs- und Gemeindestraßen ab 1934)1. In allen Fällen wurden die Steine von aufmerksamen Zeitgenossen entdeckt, ihre Bedeutung hinterfragt – und schon einige Male mit Hilfe der Aufzeichnungen unseres ARCHIVS eingeordnet.

In Göttingen gibt es die Institution des ehrenamtlichen Ortsheimatpflegers; im Stadtteil Geismar hat dieses Amt Dr. Martin Heinzelmann inne. Nach den Leitlinien der Kreisheimatpflege Göttingen (siehe ohne Datum: Dr. Dagmar Kleineke, Leitlinien für die Arbeit in der Heimatpflege; Zugriff am 08.03.2021)2 soll der Ortsheimatpfleger verschiedene Aufgabenbereiche wahrnehmen die sich gegenseitig bedingen und ergänzen, grundsätzlich aber als gleichwertig zu betrachten sind. Dazu gehören: Die Beobachtung des örtlichen Lebens und das schriftliche Festhalten dieser Beobachtungen (= eine Chronik führen); die Kenntnis der Ortsverhältnisse und der Ortsgeschichte; die Tätigkeit als Ansprechpartner und Vermittler; die mitdenkende, mitplanende und beratende Teilnahme an den Aufgaben der örtlichen Gremien; und nicht zuletzt: Forschen, Sammeln und Bewahren.

In letzterer Hinsicht hat Dr. Heinzelmann zwei große Erfolge erzielt, als er 2020/21 im öffentlichen Raum gleich zwei jener heute längst vergessenen und zumeist verschollenen Abgrenzungssteine entdeckte.

Die Erklärung, was es mit diesen Funden auf sich hat, fand er im Internet auf der Website des ARCHIVS FÜR AUTOBAHN- UND STRASSENGESCHICHTE. Doch so ganz zufrieden stellten ihn die Ergebnisse nicht, denn es blieb unklar, ob die Grenzsteine noch in situ, d. h. am ursprünglichen Platz und auf der seinerzeit ausgewählten Straßenseite stehen.

1. Grenzstein in Göttingen-Geismar

Der Grenzstein steht heute zusammen mit einem runden Stein ohne Aufschrift am Nordrand der Kleingartenanlage Rosengarten, wo der Walter-Schieper-Weg von der Reinhäuser Landstraße (B 27) abzweigt und entlang der Gartenkolonie in Richtung Westen führt (siehe Karte).

Doch das ist nicht sein ursprünglicher Standort, was sich an der Ausrichtung der Inschrift „REICH“ erkennen ließ. Nach der Funktion des Grenzsteins musste diese Bezeichnung grundsätzlich auf der stadtabgewandten Seite zu sehen sein, um die Zuständigkeit der Reichsstraßenbaubehörde für den aus der Stadt herausführenden Teil der Hauptstraße zu kennzeichnen. Entsprechend wies die Inschrift „GEM“ stadtseitig auf die kommunale Wegebauverantwortung hin. Die genaue Vermessungsgrenze markierte die auf beiden Schmalseiten des Steins mittig eingetieften Keilnuten.

Man muss sich somit den Grenzstein gedreht und auf der rechten Straßenseite stadtauswärts stehend vorstellen. Vermutlich wurde er versetzt, als die Reinhäuser Landstraße grundsaniert und die Gehwege entlang der Gartenkolonie angelegt wurden.

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Bild 1: Standort des Grenzsteins in Geismar (Karte: Google-Maps; Einzeichnung R. Ruppmann)

B2
Bild 2: Grenzstein von 1934 neben dem undefinierten runden Stein Foto: M. Heinzelmann)

Die beiden Fundobjekte wurden in einem Bericht des Göttinger Tagblatts der Öffentlichkeit vorgestellt (siehe Ausgabe vom 19. Januar 2021, Seite 8). Dort steht auch zu lesen, dass das Niedersächsische Amt für Denkmalpflege die etwa 55 cm hohen Steinstele mit rund 30 cm Durchmesser als eine Spezialmarkierung der Göttinger Stadtgrenze oder einen sogenannten Weichbildstein einschätzt. Hier sind Zweifel angebracht, denn Gemarkungs- und Weichbildsteine waren grundsätzlich viel größere, behauene Natursteine in rechteckiger Form mit flachem Kopf, die ein Stadtkürzel oder das Stadtwappen und immer eine Jahreszahl trugen, weil damit seit der Frühen Neuzeit die Siedlungsgrenze eines Gemeinwesens und/oder die Gerichtsgrenze markiert wurden. Eher ist anzunehmen, dass der Stein aus dem 19. Jahrhundert stammt; er ähnelt einem preußischen Halbmeilenstein (auch Rundsockelstein genannt) und könnte insofern als Entfernungsstein zu beurteilen sein

2. Grenzstein in Göttingen-Grone

Einmal auf diese besondere Markierung aufmerksam geworden, dauerte es nicht lange, bis Dr. Heinzelmann einen weiteren Grenzstein entdeckte, nämlich an der Mauer des Göttinger Stadtfriedhofs, nahe der Ampelkreuzung Salinenweg an der dort breit ausgebauten Bundesstraße 3.

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Bild 3: Grenzstein in Göttingen-Grone an der Bundesstraße 3; Blick stadteinwärts

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Bild 4: Grenzstein in Göttingen-Grone an der Bundesstraße 3; Blick stadtauswärts (beide Fotos: M. Heinzelmann)

B5
Bild 5: Standort des Grenzsteins in Göttingen-Grone an der Friedhofsmauer
(Karte: Google-Maps; Einzeichnung: R. Ruppmann)

Nach genauer Betrachtung der Fotos war auch hier rasch klar, dass die Markierung verkehrt herum auf der falschen Straßenseite steht, wie der folgenden Zeichnung zu entnehmen ist.

B6
 
Bild 6: Erläuterung zum ‚falschen Standort‘ des Grenzsteins in Göttingen-Grone
(Karte: Google-Maps; Einzeichnungen: R. Ruppmann)

Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat die für Bundesstraßen zuständige Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr den Grenzstein beim vierstreifigen Ausbau der B 3 auf der gegenüberliegenden Straßenseite geborgen, an der Friedhofsmauer platziert und mit einer Warnbake gesichert. Ohne dieses Engagement wäre die historische Marke wohl verloren gegangen.

Sofern noch nicht geschehen, wäre es angezeigt, beide aufgefundenen Steine umgehend in die Liste der Kleindenkmäler beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege aufnehmen zu lassen.

3. Gibt es im Stadtraum Göttingen weitere Grenzsteine?

Betrachtet man die Karte von Göttingen, so wurde 1935 vermutlich mindestens ein weiterer Grenzstein dieser Art an der wichtigen, aus der Stadt herausführenden Straße gesetzt: An der heutigen B 27 nördlich des Kreuzbergrings, vielleicht aber auch an der Robert-Koch-Straße in der Nähe des Krankenhauses Göttingen-Weende und/oder ggf. am Nikolausberger Weg. Da der südliche Grenzstein an der B 27 die damalige Stadtgrenze markierte, dürfte die analoge Kennzeichnung an der nördliche Ausfallstraße Göttingens in der Nähe der dortigen Supermärkte zu suchen sein, sofern er erhalten geblieben ist.

Um diese Annahme zu stützen, müsste im Stadtarchiv anhand einer Stadtkarte aus den 1930er Jahren untersucht werden, wo damals städtische Straßen in Fernstraßen übergingen. Möglicherweise ist in den Aufzeichnungen der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, beim Städtischen Amt für Straßen- und Wasserbau oder in den alten Verwaltungsakten im Stadtarchiv etwas zu finden.

B7
Bild 7: Mögliche Fundstellen weiterer Grenzsteine in Göttingen
(Karte: Google-Maps; Einzeichnung R. Ruppmann)

1 www.strassengeschichte.de/Neuregelung der Straßenbaulast zwischen Reichs- und Gemeindestraßen ab 1934)
2 Dr. Dagmar Kleineke: Leitlinien für die Arbeit in der Heimatpflege, (Zugriff am 08.03.2021)

© Idee, Konzeption, Gestaltung, und Text Reiner Ruppmann, Köln im März 2021