Archiv für Autobahn- und Straßengeschichte

Schrifttum | Projekt I/2017

Ein Solitär: Erster ‚Berliner Meilenstein’ an der Bundesautobahn

Lange schien er verschollen, denn kurz nach seiner Aufstellung vor über 60 Jahren war der erste ‚Berliner Meilenstein’ aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen schon wieder verschwunden. Nun hat ihn Michael Damm, Initiator der ‚Initiative Denkmalschutz für Berliner Meilensteine’, nach intensiver Suche der Öffentlichkeit wiedergegeben. Das Kleindenkmal dieses allerersten ‚Berliner Bären’ trägt die Aufschrift „Berlin 650 km“ und steht heute, von der Autobahnmeisterei Montabaur-Heiligenroth 2014 dampfstrahlgereinigt, auf dem Rastplatz Epgert-Ost der A3 in Fahrtrichtung Köln. [1]

Bärenstein Epgert-Ost
Der erste ‚Berliner Meilenstein’ an seinem heutigen Standort auf dem Rastplatz Epgert-Ost
© Foto: Landesbetrieb Mobilität Rheinland-Pfalz, August 2014

Der Erinnerungsstein aus Beton wurde am 12. Januar 1954 an der Autobahn Frankfurt – Köln (heute A 3) „kurz vor der bekannten Autobahnbrücke über das Wiedbachtal bei Neustadt, an der Raststätte Fernthal, [ ...] errichtet und vom Bundespräsidenten [Theodor Heuß; der Verf.] dem Ministerpräsident Altmeier zur Obhut von Rheinland-Pfalz übergeben“ berichtete die Rhein Zeitung Nr. 11/1954 vom 13.1.1954.

Mit diesem Kilometerstein setzte der Bundesbeauftragte für die Förderung der Berliner Wirtschaft und Mitbegründer der Wochenzeitung „Die Zeit“, Gerd Bucerius, in der Frühzeit des ‚Kalten Krieges’ ein besonderes Zeichen der Verbundenheit der Bundesrepublik Deutschland mit der von 1945 bis 1990 geteilten Stadt Berlin. In den Folgejahren kamen viele weitere ‚Bärensteine’ hinzu; an den Bundesautobahnen sollten sie ursprünglich jeweils im Abstand von 100 Kilometern gesetzt werden, doch ließ sich das nicht konsequent durchführen. [2]

Der kleine, aufrecht stehende Bär, geformt nach einer Skizze von 1932 der Berliner Künstlerin Renée Sintenis, weist mit seiner erhobenen rechten Tatze auf die Entfernung nach Berlin Mitte hin: 650 km. Die Idee, mit kleinen Bären Werbung für Berlin zu machen, ging auf den seinerzeit überaus populären Berliner Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter (1889–1953) zurück. Sein Nachfolger Otto Suhr (1894–1957) sandte Bucerius eine Bärenskulptur zu, die als Grundlage für den Entwurf des Graffitos auf dem Stein diente. [2]

Ein wichtiger Hinweis zum möglichen Standort kam Anfang August 2014 vom Zeitzeugen Heinz Meyer aus Ammerich, der im Alter von 15 Jahren die Enthüllung des Meilensteins miterlebt hatte; nach seiner Aussage fand die Zeremonie in Höhe des Rastplatzes Fernthal am Fahrbahnrand der Autobahn in Fahrtrichtung Köln statt. Die zeitgenössischen Presseberichte hatten den Standort nicht oder höchst ungenau beschrieben. Schon kurze Zeit nach seiner Errichtung war der erste Berliner Meilenstein von seinem Standort verschwunden. Vermutlich wurde er bereits 1955 wegen Reparatur- oder Umbauarbeiten entfernt, an unbekannter Stelle eingelagert und erst in den 70er Jahren völlig unbemerkt an seinem erst jetzt aufgespürten Standort aufgestellt.

Die ‚Initiative Denkmalschutz für Berliner Meilensteine’ in Frankfurt am Main hat den Kilometerstein nach seiner glücklichen Entdeckung im August 2014 zum Programm für den Tag des Offenen Denkmals 2014 angemeldet. Inzwischen wurde er der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesdenkmalpflege, als schützenswertes Kleindenkmal empfohlen.

Der hier genannte Berliner Meilenstein darf nicht mit jenem verwechselt werden, der ebenfalls im Januar 1954, jedoch einige Tage später mit der km- Angabe „Berlin 600 km“ am Autobahndreieck Köln Rath (Dreieck Heumar) aufgestellt worden ist. Derzeit ist unklar, ob dieser Meilenstein noch immer an seinem Aufstellungsort steht bzw. ob er überhaupt noch existiert. [4]

Anmerkungen
[1] Das Archiv für Autobahn- und Straßengeschichte kannte den ungefähren Standort des Meilensteins seit 2013 (auf der Insel am Ende der LKW-Parkplätze des Rastplatzes Epgert-Ost, kurz vor der Auffahrt auf die A 3 in Fahrtrichtung Köln), doch hatte sich bedauerlicherweise keine Gelegenheit ergeben, dorthin zu fahren und den Stein zu fotografieren.
[2] Siehe die verschiedenen Wort- und Bild-Beiträge zu den Berliner Meilensteinen auf dieser Website (Stichwort „Meilenstein“ oder „Kilometerstein“).
[3] Siehe dazu Ralf Dahrendorf, Gerd Bucerius und seine Zeit. C.H. Beck Verlag, München 2000, S. 132.
[4] Mein Dank gilt Herrn Michael Damm, Frankfurt am Main, der bereitwillig alle Unterlagen für diesen Beitrag zur Verfügung stellte.

© Reiner Ruppmann, Bad Homburg, März 2015


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